The Aromatic Cigar
J. C. Newman ist der älteste Zigarrenhersteller der USA. Mit Sarzedas belebt das Unternehmen eine historische Marke neu. Ihr Alleinstellungsmerkmal: Mit Zucker verfeinerte Deckblätter.Im Jahr 1900 waren die Vereinigten Staaten ein Land im Rausch des Wachstums. Stahl, Eisenbahnen, Kohle, Erdöl und Elektrizität veränderten den Alltag. Städte wie New York, Chicago und Philadelphia wuchsen in rasendem Tempo. Zwischen 1880 und 1910 erreichten 18 Millionen neue Glücksuchende das Land. In dieser Stimmung explodierte auch der Zigarrenkonsum: von einer Milliarde im Jahr 1870 auf sechs Milliarden im Jahr 1900. Diese Zahlen veröffentlicht das amerikanische Amt für Statistik im «Census Bulletin» vom 19. Juni 1902. Im Schnitt rauchte demnach jeder erwachsene Amerikaner fünf Zigarren pro Woche. Und der Höhepunkt des Zigarrenbooms war noch nicht erreicht.
Auch die Familie des 13-jährigen Julius Neumann aus Ungarn gehörte zu den Einwanderern, die von Europa in die Vereinigten Staaten übersiedelten. Im Jahr 1888 traf die ungarische Familie in Cleveland, Ohio, ein. Mutter Hannah Neumann kümmerte sich um die Ausbildung der Kinder. Zwei von ihnen erlernten Berufe in der Textilindustrie. Für den jungen Julius wählte sie eine Ausbildung zum Zigarrenroller und bezahlte dafür drei Jahre lang jeden Monat einen Dollar. Julius gefiel die Wahl. Zigarrenroller kleideten sich elegant und übten ihre Profession mit Stolz aus.
Nach drei Jahren hielt Julius sein von der Gewerkschaft anerkanntes Diplom als «Union-Zigarrenroller» in der Hand. Doch als Julius 1893 seinen Lehrbetrieb verliess, befand sich die Wirtschaft in einer Phase der Depression. Die Lage war derart desolat, dass man sich eine Stelle «nicht einmal hätte kaufen können», erinnert sich Sohn Standford Newman in der Jubiläumsschrift «Cigar Family. A 100 Year Journey in the Cigar Industry». Nach zwei Jahren erfolgloser Stellensuche registrierte sich Julius als selbständiger Zigarrenroller und richtete 1895 im Hinterhof des Elternhauses seine Produktionsräumlichkeiten ein.
Die ersten Zigarren ihres Sprösslings platzierte die Mutter im lokalen Lebensmittelgeschäft – indem sie den Besitzer an ihre regelmässigen Familieneinkäufe erinnerte. Den Rohtabak aus der Region erwarb Newman, wie damals üblich, bei fahrenden Händlern. Fünf Jahre nach dem Start beschäftigte er etliche Mitarbeiter und bezog eigene Fabrikationsräume. Und er registrierte im Jahr 1900 eine seiner ersten Marken: Sarzedas – The Aromatic Cigar.
Julius Caeser Newman – aus Neumann war inzwischen Newman geworden, ergänzt durch den Zweitnamen Caeser, den er sich auf Anraten eines Beamten bei der Registrierung für die Präsidentenwahlen zulegte – steuerte das Unternehmen in den folgenden Jahren erfolgreich durch die wechselhaften Gewässer des neuen Jahrhunderts. Zwei Weltkriege, grosse Wirtschaftskrisen, die Industrialisierung mit ihren Arbeitskämpfen und die Machtübernahme der Sozialisten in Kuba prägten die Entwicklung des Unternehmens. 1960 erreichte der Zigarrenkonsum in den Vereinigten Staaten mit jährlich 9 Milliarden Stück seinen Höhepunkt. Maschinen ersetzten zunehmend die teuren und streikfreudigen Arbeitskräfte. Der Zigarrenmarkt hatte sich gewandelt: Lokale wurden von nationalen Marken abgelöst, und dies wiederum von globalen.
Sarzedas, eine der ältesten dokumentierten Marken von J.C. Newman, feiert jetzt ein Comeback auf dem internationalen Parkett. Im Jahr 2025 entschied die vierte Generation um Drew Newman, den alten Namen 125 Jahre nach seiner ersten Registrierung zu neuem Leben zu erwecken. Historische Anzeigen aus dem frühen 20. Jahrhundert, Zigarrenkisten und Accessoires aus dem Firmenarchiv dienten als Vorlage für die Gestaltung des Sarzeda-Remakes. Jeder Kiste liegt, mit den besten Empfehlungen, ein historischer Werbeflyer bei: «Try one – then buy a box – at any first-class dealer’s».
Wie vor 125 Jahren entstehen die neuen Sarzedas-Zigarren wieder in Handarbeit. Die Rollerinnen und Roller der Newman-Manufaktur in Estelí in Nicaragua fertigen sie aus milden Einlagetabaken aus der Dominikanischen Republik und Nicaragua. Das Deckblatt aus Ecuador wird mit etwas Zucker verfeinert. Dieses besondere Verfahren verleiht den Zigarren ein süssliches Aroma und löst das Versprechen «The Aromatic Cigar» ein. Ob auch die historischen Sarzedas süss schmeckten, ist nicht belegt. Das Aromatisieren von Tabak war im frühen 20. Jahrhundert jedoch durchaus üblich. So verfügte J.C. Newman etwa während der Prohibition über eine Sonderbewilligung für den Einkauf von Alkohol, um Tabakblätter mit Rum zu veredeln.
Drew Newman bezeichnet Sarzedas als «the most flavorful cigar we have ever made». Der Zucker macht sich zunächst auf den Lippen bemerkbar. Danach integriert sich die Süsse harmonisch in das milde und elegante Aroma und verleiht den Zigarren einen überaus angenehmen Crème-Brûlée-Charakter. Es ist eine süsse Erinnerung an eine Zeit, als die Zigarrenfertigung zu den wichtigsten Industrien des Landes zählte und die Zigarre ganz selbstverständlich zum Alltag fast aller Amerikaner gehörte.




